Literatur:
Brief an ein
ungeborenes Kind

Brief an ein ungeborenes Kind

buch10

In: Podium Nr. 143/144 – Vorbilder

Ich sah Dich zum ersten Mal an einem Himbeerstrauch. Du hattest rote Flecken an den Fingern und griffst nach einer Frucht. Ich beugte mich zu Dir hinab und führte Deine Hand. Ich zeigte Dir, wie vorsichtig man Himbeeren umfasst, damit man sie abziehen kann.

Du hast die Beere nicht zerdrückt. Du führtest sie an Deinen Mund und schobst sie zwischen die Lippen. Du strahltest. Ich fühlte, alles war gut und so würde es bleiben. Sekunden später erwachte ich aus dem Tagtraum. Das Bild verschwand und mit ihm das Gefühl Deiner Haut auf meiner Handfläche, machte mich das nicht traurig.

Ich weiß nicht, wie alt Du sein wirst, wenn Du diesen Brief liest. Ich werde ihn für Dich aufbewahren, bis die Zeit reif ist. Um nicht zu vergessen, was ich jetzt empfinde, schreibe ich und damit Du erfährst, dass trotz der vielen Fehler, die ich gemacht haben werde, meine Absichten ursprünglich vornehme waren. Ich will Dir ein guter Vater sein. Du sollst fühlen, dass Du nicht alleine bist. Ich will Dich zu berühren lehren durch meine Berührungen. Du sollst die Ruhe der Sprache fühlen im Klang und in den Worten. Ich will Dir das Licht zeigen und dass Du Dich im Dunkeln nicht zu ängstigen brauchst. Ich will Dir zeigen wie sich das Wasser anfühlt, Dich vor dem Feuer warnen und Dir gleichzeitig den Genuss an seinen Farben und seiner Wärme mitteilen. Von den Elementen kannst Du lernen, zu staunen. So tief, dass Du diese Gabe ein Leben lang behältst. Ich will Dich halten, wenn Du den Boden stampfst mit kurzen Beinen, die Du eben erst zu strecken übst. Du wirst in meinen Armen fliegen und ohne mich am Boden kriechen. Und Du sollst wissen: Egal, wie weit Du weggehst, kannst Du immer wieder zu mir zurück. Wenn Du im Bett liegst, weißt Du, dass ich in der Nähe bin. Ich lese Dir zum Einschlafen vor. Nicht nur der Geschichten wegen, die Du magst. Auch wenn Du sie längst vergessen haben wirst, sollt Du Dich an die Sicherheit erinnern, die Dir die Bücher einst boten. Ich werde Deine Sprache lernen, damit wir uns besser verstehen. Ich freue mich auf Dein erstes trotziges Nein. Ich will Geduld mit Deiner Arglosigkeit haben, sie schützend begleiten und nicht unterdrücken, so hoffe ich. Wir werden meine Musik hören. Ich werde mich in ihrem Rhythmus bewegen und Dich dabei in den Armen halten. Wir werden spazieren gehen und du wirst mich lehren, langsam zu gehen. Ich werde Dir von den Straßen, den Bäumen, den Häusern und Vögeln erzählen. Und am Abend werde ich Dir zeigen, dass der Mond, egal in welche Richtung man geht, immer unser Begleiter ist.

Ich werde mit Wohlwollen sehen, dass Du mich von Jahr zu Jahr weniger brauchst. Ich werde meine schlechten Gewohnheiten an Dir wahrnehmen. Du wirst Dir Platten wünschen, die ich unerträglich finde. Ich werde sie mir trotzdem anhören. Du wirst von der Schule Neuheiten nach Hause bringen, die ich unsinnig finde. Ich werde sie Dir ausreden wollen, und wenn mir das nicht gelingt, Verbote aussprechen. Ich werde Deine Wut ertragen. Es soll nicht darauf ankommen, wer von uns sich letztlich durchsetzt. Weil Du Dir meine Offenheit zum Vorbild nahmst, bist Du bereit, zuzuhören und auch über Dinge nachzudenken, die naheliegend und selbstverständlich scheinen. Deine ersten Samenergüsse werden mich verunsichern, weil sie mich an die Peinlichkeiten meiner ersten erinnern. Und wenn Du ein Mädchen bist, werden mich Deine ersten Freunde eifersüchtig machen. Du wirst Haschisch rauchen und Modedrogen probieren. Du wirst Blockbuster downloaden und Der Steppenwolf lesen oder Die Nebel von Avalon. Du wirst sagen, dass ich alles von dem, was in diesem Brief steht, eingelöst habe, doch viel häufiger dessen Gegenteil. Darüber können wir streiten. Ich hoffe, dass wir uns nicht weh tun dabei.

Wenn Du eines Tages diese Zeilen liest, wirst Du Markenjeans tragen und größer sein als ich. Dein Blick auf die Welt mag ein anderer sein als meiner. Aber manches daran wird von mir beeinflusst sein. Ich wollte Dich alle Zweifel lehren die die Welt verdient. Du wirst mir vielleicht Vorwürfe machen, dass ich Dir kein besseres Bild malte. Nicht einmal das frische Gras auf einer Frühlingswiese ist friedlich. Die Wurzeln der Gräser trachten danach, einander zu verdrängen. Das Leben kann schön sein, obwohl es hart, ungerecht und grausam ist. Alles strebt nach einem Platz an der Sonne. Darum müssen wir Umsicht walten lassen in unserem Streben und gelegentlich denen helfen, die weniger Glück haben. Was Schicksalhaft und Unabänderlich erscheint, möge Dir Anlass sein, darüber hinaus zu denken. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Dir das zu vermitteln. Durch mein Lebensgefühl und meinen Umgang mit anderen.

Wenn Du erwachsen bist, werden wir hoffentlich mehr verstehen von der Natur und vom Weltraum. Wir werden die Vorgänge in unseren Körpern besser verstehen und die Kraft unserer Gedanken. Vielleicht werde ich mein Bild von Dir am Himbeerstrauch in einem ganz anderen Licht sehen als heute. Wenn Du willst, kann ich Dir demnächst die Stelle zeigen, an der ich Dich zum ersten Mal sah. Ich hoffe, Du empfindest mich nicht als Last. Sondern als einen, der einen Teil Deiner Wege früher schon gegangen war und der Dir manches Mal den richtigen Weg weisen konnte.