Harald Friedl: Filme

Africa Representa
Dokumentarfilm, 76 Minuten, A 2003.
„Hautnah und packend" (Die Furche)
„Eine magische Reise über den Kontinent" (Die Presse)
„Interessant" (Falter)
„Poetisch" (Salzburger Nachrichten)
„ Ein buntes, liebevoll zusammengesetztes Patchwork " (Radio FM 4)
„Jenseits von Afrika-Klischees" (Wien live)
„ Authentische Blicke" (Die Bunte Zeitung)
„Bilder, die mehr sagen als 1000 Worte" (Steyrer Rundschau)
„Der Film räumt mit den gängigen Klischees auf " (SVZ)
"Filmtip der Woche" (Wiener Zeitung)

Isabella Marboe schreibt unter dem Titel "Der heiße Sog Afrikas"
in "Die Furche" vom 13. Mai 2004


Harald Friedl vermittelt in "Africa Representa" das widersprüchliche Lebensgefühl dieses Kontinents. Die westliche Fernperspektive sieht Afrika als "verlorenen Kontinent", geprägt von Elend, Krieg und Naturkatastrophen. In seinem ambitionierten Dokumentarfilm "Africa Representa" schickt Harald Friedl die Symbolfigur eines Heimkehrers (verkörpert vom charismatischen Sidede Onyulo) aus der europäischen Diaspora durch Zentral-Tansania. Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln reflektiert er in poetischer Kunstsprache das Fremd-geworden-sein.
Hautnah und packend gestaltet sich die Konfrontation mit Tansanias Realität. In leuchtenden Farben und großen Bildern zeigt sich eine archaische Landschaft, Menschen mit unnachahmlichem Rhythmusgefühl und unbändiger Vitalität. Überwältigend ist die Szene, wo ein Invalider im Sog hitziger Musik mit seinem Beinstumpf Gitarre spielt.
Die Doku komprimiert in 76 intensiven Minuten das widersprüchliche Lebensgefühl eines von inneren und äußeren Brüchen zerfurchten Kontinents. Fernseher in rudimentären Lehmhütten zählen ebenso dazu wie traditionell geschmückte, hoheitsvolle Massai, die im Tonstudio singen und Computerkurse belegen.
Die sozialkritisch textenden jungen Ghetto-Rapper "Africa Representa", zäh um Lebensstandard und Recht kämpfende Frauen, faszinierende Naturpanoramen, brodelnde Rituale, karge Interieurs, traditionelles Nomaden- und modernes Großstadtleben, Straßenkinder, Armut und ungebrochener Optimismus – all das ist Afrika, all das zeigt "Africa Representa".

 

Di-Tutu Bukasa in "Die Bunte Zeitung", Juni/Juli 2004

Ein aus der Diaspora in Europa aufgewachsener Tansanier reist als Erwachsener in sein Heimatland, auf Entdeckung seiner Wurzeln. Tansania, exemplarisch für jedes andere Land im sub-saharischen Afrika, wird uns durch seine Augen präsentiert. Was wir in diesem essayistischen Dokumentarfilm sehen, sind Einblicke in den Alltag diverser Tansanier, angefangen vom archischen Alltag der Viehhirten bis zum vom westlicher Kultur druchzogenen Leben in der Großstadt. Zwei Rapper, die sich "Africa Representa" nennen und in der Stadt von ihren Problemen in der Gesellschaft singen, verleihen dem Film seinen Titel. Neben der Selbstfindung stellen die Verschmelzung von Tradition und Moderne sowie die kulturellen Auswirkungen der Globalisierung zentrale Themen dar.
Dem Zuschauer werden mittels durch einen inneren Monolog widergegebenen Reflexionen des Reisenden unprätentiöse, authetische Blicke in die gegenwärtige Gesellschaft Tansanias gewährt. Der Regisseur bedient sich weder sensationeller noch mitleiderregender Effekte – er überlässt die Darstellung der tansaniaschen Gesellschaft den dort lebenden Menschen selbst. Der Zuschauer entdeckt, dass sich das Leben der Menschen in Sub-Sahara Afrika, wenn es sich auch ganz anders gestaltet, sich nicht grundsätzlich von seinem Wesen unterscheidet zu dem Leben, das wir hier in Westeuropa kennen. Die Botschaft, die dahinter steckt, ist: Menschen in Sub-Sahara Afrika sind Menschen wie Du und ich, mit ihren Alltagsfreuden und –problemen. Der Film ist, abgesehen von seinem künstlerischen Wert, ein wesentlicher Beitrag, Stereotypen über Sub-Sahara Afrika entgegenzuwirken.

 

Kurt Daucher in "Steyrer Rundschau", 4. Juni 2004

Ein Afrikaner, der lange schon in Europa zu Hause ist, kehrt zurück in seine Heimat. Als Reisender. Als Fremder. Und sucht – befremdet – nach den verlorenen Bildern seiner Kindheit. Was er dabei – oder besser: – stattdessen zu sehen bekommt, ist der konfliktreiche Alltag seiner Landsleute. Ihr Kampf ums tägliche Brot. Wie sie an den alten Traditionen festhalten, an denen immer noch ein Stück Magie haftet. Und die Sehnsucht nach der neuen Welt.
Das ist die Geschichte, die der Autor, Musiker und Filmemacher Harald Friedl mit seinem neuen Film erzählt. Ein Dokumentarfilm ist es, der nicht Action zu bieten hat und schnelle Schnitte, dafür umso mehr tiefe Einblicke in den alten Kontinent und in die Herzen der Menschen. Und er versammelt jene Bilder, die tasächlich mehr sagen als 1000 Worte. [...]

Erika Koriska auf Radio FM 4: Redaktioneller Beitrag und
komprimiertes Interview vom 11. Mai 2004 (gekürztes Transkript)


Eine Stimme aus dem Off begleitet diesen Streifzug durch Tansania. Es ist die Stimme eines fiktiven Heimkehrers, der nach Jahren in Europa sein Heimatland besucht. Er liefert keine harten Fakten, sondern Gedanken, Assoziationen zu Afrika. Von Kindheitserinnerungen zu kurzen Parabeln. Die sanfte Stimme schafft einen poetischen Gegensatz zu den nüchternen Bildern des Alltags.
Lehmhüttendörfer, einsame Feldzüge in der Steppenlandschaft, kleine Städte mit holprigen Straßen – die Armut durchzieht das ganze Land. Die Kamera fängt Gespräche mit Musikern, Händlern, Jugendlichen, einem Stammesältesten und Frauen ein. Dazwischen werden unkommentierte Aufnahmen von Fischern oder Arbeiterinnen in Steinbrüchen eingestreut.
Trotz der Probleme und Sorgen blinzelt immer wieder ein Hoffnungsschimmer durch. Wie etwa der Rapper, der an seinen Erfolg glaubt oder Frauen, die auf ihre Rechte pochen und die Unterdrückung der Männer nicht länger hinnehmen wollen.
Africa Representa bietet ein persönliche Momentaufnahme Tansanias, eine Doku wie ein buntes, liebevoll zusammengesetztes Patchwork, das die Eindrücke einer Reise zusammenfasst.

"Ich habe, als ich 35 war, meine Karriere aufgegeben. Als Leiter des Salzburger Literaturhauses. Ich hatte damals den Traum, davon zu leben, was mir gerade einfällt. Und das funktioniert. Ich lebe seit 10 Jahren als freiberuflicher Filmmacher, Schriftsteller und Musiker. Und das ist es!"

So lautet die Job-Discription von Harald Friedl. FM 4 Redakteurin Erika Koriska hat sich mit Harald Friedl über die Dreharbeiten unterhalten.

Erika Korsika: "In Africa Representa heißt es: "Für den Norden ist Schwarzafrika ein Themenpark gegliedert nach den Sektoren Krieg, Hunger, Seuchen, Safari. Was ist Afrika für Dich?"

HF: "Schwarzafrika ist für mich ein Kontinent mit Überlebenskünstlern. Ich wundere mich ständig, wie es die Leute schaffen, auf der Basis von schwierigsten materiellen Verhältnissen, auf der Basis von verelendeter Infrastruktur, auf der Basis von leider sehr niedrigem Bildungsniveau, auf der Basis von einer gigantischen Sehnsucht der jungen Menschen, Bildung zu erlangen, staune ich immer wieder darüber, wie es die Menschen schaffen, recht gut drauf zu sein und durchs Leben zu gehen. Es gibt sehr viele, vor allem junge Leute, die eine unheimliche Gier haben, ein anderen Leben zu erreichen, und mit sehr viel Energie versuchen, das nötige Geld aufzutreiben, um verschiedenste Formen von Ausbildung zu erlangen. Das können ganz einfache Dineg sein. Dass ein junger Rapper sich das Geld zusammenspart, um einen Englischkurs zu machen. Damit er dann small business mit Ausländern machen kann. Aber gleichzeitig fällt ihnen die gesellschaftliche Realität auch auf den Kopf. Es gibt gewisse Hilfe. Es gibt Hilfe von NGOs, das ist die Hoffnung, die ich habe. NGOs, die größtenteils aus dem sogenannten westlichen, in Wahrheit nördlichen Ausland finanziert werden und von Tansanierinnen und Tansaniern betrieben werden."

Erika Korsika (EK): "Wie kam eigentlich die Idee zum Dreh in Tansania?"

HF: "Ich beschäftige mich schon sehr lang mit afrikanischen Themen. Seit 20 Jahren eigentlich. Aber die Initialzündung zu diesem Film kam von einem uralten Mann, der 1901 geboren ist und im Alter von 99 gestorben ist. Sein Name war Wilhelm Kaufmann. Er war in Salzburg ein bekannter Maler, er war Antifaschist, er hat bei Albert Schweitzer im Dschungelspital gearbeitet, er hat die Grünen in Salzburg mitgegründet. Er hat mir am Totenbett zum wiederholten Mal erzählt von seiner Faszination für Tansania. Speziell für eine bestimmte Region, für Singida. Und er hat so euphorisch davon gesprochen, dass ich mir gesagt habe, das sehe ich mir an, da fahre ich runter.

EK: "Von einer Brassband bis zu den Rappern ... ich habe den Eindruck gehabt, Musik ist in der Doku ziemlich stark vertreten. War das Zufall, oder wolltest Du druch die Hip Hopper einen westlichen Link herstellen?"

HF: "Ich hab das wirklich gesucht am Anfang. Aber dann ist es einfach passiert. Wir haben in der Kleinstadt in der Tansaniaschen Pampa alle möglichen Leute gefragt, gibt es hier Rapper und alle haben gesagt, nein, nein, nein. Und zwei Tage, bevor wir fahren mussten, kannte jemand Rapper. Und da haben wir dann Goba und Bundasi getroffen. Wir haben Probeaufnahmen mit ihnen gemacht. Ihnen ist der Filmtitel zu verdanken. Goba und Bundasi bezeichnen sich am Ende des Raps "Maisha Yanatisha", "das Leben ist gefährlich", als Africe Representa. Ich war ihnen wahnsinnig dankbar, dass sie mir diesen Titel geschenkt haben.
Zur Frage der Musik in diesem Film: Jeder kleinste Laden macht auf sich aufmerksam durch Musik. Es groovt ziemlich im öffentlichen Raum. Die Vorstellung von den trommelnden Afrikanern kann ich allerdings nicht bestätigen. Wir haben keinen einzigen Tansanier getroffen, der getrommelt hätte. Die Trommel der Jetztzeit ist der Rap!

EK: "Einer der jungen Rapper spricht aus, was sich wahrscheinlich viele Afrikaner denken: Er ist wütend darüber, dass die Weißen glauben, sie machen alles besser als die Afrikaner. Wie begegnen Tansanier einem Europäer, einem Weißen - also Dir?"

Es ist viel Neugier da. Es ist viel Sympathie da. Es gibt aber auch die gigantische, überzogene Bewunderung für den weißen Mann. Und es gibt die Ebene des: Mit wem kann man schon Geschäfte machen, wenn nicht mit einem Weißen. Also, die Beziehung ist vielfältig.
Ich bin beeindruckt, wie offen und neugierig die Menschen uns gegenüber waren. Und wie toll sich unsere Beziehungen entwickelt haben. Am Anfang war Mißtrauen da. Vor allem von den Rappern. Aus gutem Grund. Die können denken, da kommen die Weißen und wollen uns filmen. Die beuten uns aus und machen zu Hause die große Kohle mit dem, was wir hier für sie aufführen.
Das war ein Geschenk. Aber Geschenke gingen auch die andere Richtung. Teil unseres Geschenkes an sie war, am Ende ein Rap-Video für das Tansanische Fernsehen zu drehen. Damit auch sie was von ihrer Kunst in der hand haben. Etwas, das sie nie selbst produzieren könnten.

EK: "Wie bist du mit den Leuten, die vor der Kamera ihre Probleme erzählen, in Kontakt getreten? Einige sprechen Massai, andere Suahili ... Wie funktioniert das? Da muss ja ein Dolmetscher dabei gewesen sein! Wie entsteht aber ein Redefluss, wenn immer eine dritte Person vermittelt?"

HF: Ich hab fast immer und in allen heikleren Situationen auf Übersetzer verzichtet. Ich verstand genug Suahili, um mitzukriegen, worum geht es und wie läuft es. Ich konnte überhaupt kein Massai. Doch es war klar: Übersetzungen würden stören während der Gespräche.
Den Menschen, die genug Englisch konnten, sodass ich mein Anliegen rüberbringen konnte, hab ich gesagt, okay, erzähl uns das. Dann hab ich nur zugehört. Und ich hab das Gespräch weitergetrieben bis ich gemerkt habe, jetzt sind wir an einem wirklich emotional bewegenden Punkt. Dann hab ich gesagt: Darüber erzähl uns bitte mehr. Das war auch nötig so. Weil es so in vielen Szenen den Lauten möglich wurde, gegenüber uns Weißen, uns Extraterretorialen, über Dinge zu sprechen, die sie nicht hätten ausdrücken könne, wenn Einheimische dabei gewesen wären.
[...]

Michael Omasta im "Falter", 14. Mai 2004

In tagebuchartigen Szenen beschreibt der Film die Reise eines Heimkehrers (Sidede Onyulo) durch den "vergessenen Kontinent": von Zentral-Tansania durch Steppen, ärmliche Lehmhütten und Städte zu Begegnungen mit Hirten, Ghetto-Rappern und Magie. Interessant.

 

Pia Feichtenschlager in den "Salzburger Nachrichten", 19. April 2004

Es ist die Sicht von Afrikanern in der Diaspora auf ihr Ursprungsland, die sich in Harald Friedls "Africa Representa" in poetischen Texten in die Reise nach Zentral-Tansania schreibt. [...] Die Fugur des Reisenden, gespielt von dem Kenianer Sidede Onyulo ("Nirgendwo in Afrika"), kommt mit einer "weißen" identität nach Afrika und begibt sich auf die Suche nach jenen Wurzeln, die auch der Jugend Afrikas zunehmend verloren gehen.
"Wir wissen nichts von unseren Wurzeln" rappt eine tansanische Hip-Hop-Band, und weiter: "Unterdrückung bis der Boden kracht. Es gibt keine Regeln, schau nicht zurück. Blick lieber in die Zukunft." Die Zukunft, das ist der Traum nach einem besseren, "weißeren" Leben. "Weiß ist das größte symbolische Kapital." Dieser Satz des afrikanischen Intellektuellen Manthia Diawara bleibt auch Fluch und erhoffter Segen der jüngeren Generation.
Bei den Rapper-Jungs staut sich die Wut gegen die Überheblichkeit des reichen Westens und findet im Sprechgesang ihre Entladung. Hier offenbart sich der Wunsch nach einem afrikanischen Selbstbewusstsein, welches verloren ist und erst wieder gefeunden werden muss.
[...] Da ist keine Spur von Romantik, in die sich auch Afrikaner in der Diaspora gerne flüchten. "Die Romantik gegenüber Afrika besteht ja dort nicht. Die Romantik besteht nur bei uns. Wir lügen uns unser Afrika zusammen", sagt Friedl, dessen Dreharbeiten für "Africa Representa" sich über zwei Jahre erstreckt haben. Dem romantischen Afrika stellt Friedl ein Afrika entgegen, das im Westen mit dem Stigma "Verlorener Kontinent" versehen worden ist.
Auch wenn das Schlussbild den jungen Rappern gehört, die sich in ihren Posen üben. "Meine Hoffnung für Afrika sind die Frauen", sagt der Regisseur, der sich seit Mitte der 80er Jahre mit Afrika auseinander setzt.

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22•07