Kameras:
Bernhard Pötscher, Gerald Helf, Harald Friedl
Musikton: Philippe Corbert
Filmton: Harald Friedl
Gefilmt im Posthof Linz, Oberösterreich, beim
Brucknerfest 2002. Constantin Merkatz schreibt über die "Missa Furiosa" in den
Salzburger Nachrichten unter dem Titel "Pfefferminz als Gottes Brot":
Beim Eintritt in den Posthof-Saal bekam das
Publikum zum Naschen Pfefferminzplättchen. Wer sie sich auf der Zunge zergehen ließ,
konnte sich schwerlich der Assoziation mit einer Hostie erwehren.
Dies war der kokettere Teil des Spiels mit der christlichen
Messe. Thierry Zaboitzeff dekonstruiert nicht. Die Komposition ist eigenständig und
lässt die Zuhörerschaft erleben, dass Konsequenz auch jenseits von Strenge möglich ist.
Oder humanistsich betrachtet: Nicht Religion ist die Antwort auf Sinnsuche und Fragilität
der conditio humana, sondern Religiosität. Und Religiosität benötigt keine Kathedralen.
Ihre Kathedrale kann die Stille eines Waldes genauso sein wie der Klangraum von Musik.
[...]
Zaboitzeffs "Missa Furiosa" [...] ist eine
Hommage an die menschliche Vitalität. Seine philosophischen Wurzeln liegen in den 60ern
und 70ern, als vielen Menschen ein Neuentwurf der Welt nahe schien. Wer einen solchen
Background hat, bewegt sich leichtfüßig in den Fußstapfen der Tradition.
"Ich habe gefunden, dass keine Sprache besser zu
meiner Musik passt, als die lateinische", lautet Zaboitzeffs Antwort auf die Frage
nach seiner Motivation, eine Messe zu schreiben. "Am Anfang war es wie ein
Spiel."
Der Musiker mit Wohnsitz in Rif bei Hallein wurde 1953 als
Spross russischer, spanischer und französischer Vorfahren in Nordfrankreich geboren. Als
Kind saß er oft bei seinem Großvater, einem Kirchenorganisten, im Chorgestühl. Dort
ließ Zaboitzeff sich beeindrucken vom Pomp der Musik, vom Pathos, vom Gestus der Messe,
den Glocken. Das alles hat seinen emotionalen Zugang zu und sein emotionales Verständnis
von Musik geprägt.
So ist denn auch die "Missa Furiosa" ein Werk
großer Gesten am Rande des Pomp. Rock ´n´Roll, Jazz, Bands wie King Crimson, das
Mahavishnu Orchestra, die erotischen Chansons von Serge Gainsbourgh haben Zaboitzeff
beeinflusst. "Gloria", Sanctus" oder "Kyrie" ertönen als Sound-
und Rhythmusstrukturen zwischen Klassik, Techno, Ethno und Jazz. Die Bühnenshow unter
Regie des Parisers Stephane Verité spielt teils ironisch, teils poetisch mit Elementen
des christlichen Ritus seinen Symbolen, der Segnung, der Predigt, der Prozession.
Wie die Musik oszilliert auch die theatralische Darstellung zwischen Sehnsucht und
Provokation.
Zu den besonders berührenden Momenten zählt, wenn das
Jonglieren mit bekannten Bildern am symbolhaftesten wird im Spiel mit einer hölzenen
Puppe, das an die Kreuzabnahme verweist. Im Schlussstück "Libera me" bleibt
schließlich offen, an wen der Appell des Chores, die Bitte um Befreiung, sich wendet: An
einen Gott? Oder vielmehr an etwas in einem selbst Verborgenes? An die Sehnsucht des
Menschen nach etwas Großem jedenfalls, das über allem Bekannten stehen könnte, doch
allein in der menschlichen Fantasie begründet ist.
Das Konzept, synthetische Sounds, Geiger, Rockdrummer und
klassichen Gesang auf eine Bühne zu bringen, war wohl riskant und hätte leicht zu
Konkurrenz und Auflösung führen können. Es ist der Dichte der Komposition und der Rolle
Zaboitzeffs als Bass spielender pontifex maximus auf der Bühne zu danken, dass das
Staunen über ein Werk großer Intensität und großer Emotionen nachwirkt.
[...] (30. September 2002)
Film wurde hergestellt aus Mitteln von Land
Oberösterreich, Stadt Salzburg. |