Harald Friedl: Filme

Land ohne Eigenschaften
Dokumentarfilm, 75 Minuten, A 2000.
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Moderationstext von Andrea Schurian zur Erstausstrahlung von „Land ohne Eigenschaften“ in den ORF-Kunststücken

„Land ohne Eigenschaften“ von Harald Friedl ist ein gleichermaßen verstörenden wie betörender Heimatfilm, ein Roadmovie durch das weite Land der österreichischen Seele. Harald Friedl, Musiker und Dokumentarfilmer, sucht mit österreichischen Literaten wie Robert Schindel, Raoul Schrott, Robert Menasse, Anna Mitgutsch, Marianne Gruber und vielen anderen nach Hinweisen über das, was das Wesen dieses Landes ausmacht, nach der österreichischen Identität. Friedl enthält sich jeden Kommentars. Oder viel mehr: Sein Kommentar sind diese gerade hypnotischen, kühlen Kompositionen und Montagen. Dieses gestochen scharfe Österreichbild, das ihm da gelungen ist, kann nicht nur im Inland ein wichtiger Diskussionsbeitrag sein (...)

Heimat, der Ort, wo man sich nicht fremd fühlt - aber manchmal ist das Land, in dem man geboren wurde, sehr fremd und die Fremde viel vertrauter.

Peter Porsch in "UnderDok. Zeitung zum 44. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm" unter dem Titel "SCHWARZES LOCH"

"Gleichgewicht der Zerrissenheit", "immanente Synthese" von Widersprüchlichkeiten", das gibt es eigentlich nur in "Schwarzen Löchern", die mit ihrer unglaublichen Schwerkraft alles in sich aufsaugen und deshalb auch jeglicher, zumindest äußerlichen Eigenschaft entbehren. Der Film zeigt es - ein solches "Schwarzes Loch" liegt als Land mitten in Europa, rot-weiß-rot angestrichen , Österreich genannt. Die Schwerkraft kommt von 60 Kilogramm Mehl und Kartoffeln, 100 Kilogramm Fleisch, 85 Kilogramm Obst, 30 Litern Wein und 111 Litern Bier, die jeder Bewohner Österreichs jährlich zu sich nimmt. Dafür braucht er eineinhalb Stunden täglich. Zubereitet wird das Ganze in einer Küche, in die alles hineingestürzt ist, was Nord, Süd, Ost und West an Gutem zu bieten hatten. Das "Schwarze Loch" saugt Geschichte auf und läßt sie nur mehr als Tradition leben. Auch die Geschichten verschwinden, was bleibt, sind die Mythen. Und die Wirklichkeit, vom "Schwarzen Loch" gefressen, ist für die draußen Gebliebenen nur mehr im Klischee verzerrt gespiegelt. Innen findet freilich alles auf einmal statt: Bad Ischl ist die k.u.k. Monarchie, die Schule der Austrofaschismus und die Universität der Austromarxismus. Das Kaffeehaus ist der einzige sichere Zufluchtsort vor dem Österreichischen und macht zugleich seinen Kern aus. Der Film zeigt es - das Wesen des "Schwarzen Loches" ist nur als Metapher zu erfassen: ein Punschkrapfen, außen rosa, innen braun; neuerdings ein Mohnzelten, außen bräunlich und innen schwarz. Tragisch zugleich und gut so. Denn kehrt sich das "Schwarze Loch" nach außen, wird es barbarisches Kindergedicht: "Bei uns sind die Häuser noch bunt, unsere Kinder noch g´sund, unsere Luft noch rein, unsere Gebäude noch klein, unsere Tiere noch frei, und es bleibt auch dabei."

"Land ohne Eigenschaften" von Harald Friedl, ein typisch österreichischer Film, in dem sich der Watschenmann selbst in die Gosche (Fresse) haut, aber so, daß es ihm selber weniger weh tut als dem Zuschauer."

Karl Khely, Chef der ORF-KUNST-STÜCKE über "Land ohne Eigenschaften"

"harald friedls film ist eine im besten sinne sehr strenge, formal und visuell äußerst interessante abhandlung/bestandsaufnahme über österreich.

(...) in dieser äußerst präzisen und gelungenen strukturierung geht der film weit über eine herkömmliche dokumentation hinaus, er entwickelt sich zu einer eigenen, spielerischen kunstform. (...)

von der struktur in etwa vergleichbar mit einem tollen stück mininal music - total durch konzipiert, repetitiv und fast hypnotisierend, diesmal nicht nur für die ohren, sondern auch fürs auge."

TV-Media

(...) ein unterhaltsamer Filmessay.

Auszüge aus einem Interview von Sabine Strobl für die Tiroler Tageszeitung

Friedl: (...) Ein Motiv für den Film ist auch, daß unzählige Romane und Essays über die österreichische Identität und Nicht-Identität geschrieben werden. Dieses Thema wollte ich vom Feuilleton auf die Leinwand bringen. (...) Das emotionale Element war in diesem Film für mich sehr wichtig. Ich wollte die Autoren nicht in der Schreibstube zeigen. Der Film ist sehr unterhaltsam, witzig, ironisch. (...) Die Leute lachen, wenn sie den Film sehen.

TT: Und Ihr Kommentar zur österreichischen Seele?

Friedl: Es gibt sie, weil sie behauptet wird. Medien sagen uns, wie wir sind. So werden sozusagen offizielle Bilder Teil der Identität. Interessant sind auch die Ich-Bilder, die in Meinungsumfragen erhoben werden. Da erscheint der Österreicher hilfsbereit, höflich. Sie empfinden sich wegen ihrer Gemütlichkeit auch als sympathischer als die Deutschen. Auch diese Ich-Bilder werden über die Medien verbreitet. Ich persönlich glaube, daß in Österreich weniger Lebendigkeit und Spaß herrschen als zum Beispiel in Italien. ich glaube auch, daß Mißtrauen und Argwohn gegenüber Fremden verbreitet sind.

TT: Entdecken Sie auch eine positive Eigenschaft?

Friedl: Die kultivierte Skepsis ist ein sympathischer Zug an Österreich.

(...)

Textauszug! Volltext als RTF-Datei downloadbar.

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22•07