Harald Friedl: Filme

Land ohne Eigenschaften
Dokumentarfilm, 75 Minuten, A 2000.
Aus dem Autoradio: „Meist sind wir davon umgeben, ohne Notiz zu nehmen. Das Land, in dem man lebt, ist physischer und geistiger Wohnraum, den man verinnerlicht hat: die Werte, die Normen, die Medien, Sprache, die Alltagsmythen, das Verhalten der Menschen, die Stimmung auf den Straßen.

Wie sich ein Land repräsentiert, entsteht auch aus dem, was die Menschen als ihre eigene, ihnen typische Kultur zu sehen gelernt haben. In den Repräsentationsformen eines Landes können wir erkennen, was ihm gefällig erscheint, worin es sich spiegeln möchte, um sich darzustellen.
Das Bild ist aber nur vollständig, wenn das, was versteckt und verschwiegen ist, seinen Platz darin findet.
Denn die Art der Kleidung zeigt mehr über die Nacktheit darunter, als man zunächst vermuten möchte ...“

Rolf Schwendter: "Also, wenn ich mir Österreich in einer Geste vorstelle, dann würde ich sagen: Die Gleichzeitigkeit von Pyramide und Schleimhaufen. Also, das wäre hier die Pyramide und das wäre der Schleimhaufen. Das kann sich auch verschieden montieren, man kann das Bild auch zerschneiden und wieder zusammensetzen."

Statistikerin: "Österreich hat eine Gesamtfläche von 84.000 km2. Das entspricht einem Prozent der Fläche Europas und einem halben Promille der Erdoberfläche. Acht Millionen Menschen leben hier. Jeder 750 der Menschheit."

Barbara Neuwirth: "Wenn ich mir Österreich vorstelle, dann sehe ich es als eine Torte in der Landschaft, in der ein Löffel steckt. Der östliche, große Teil, das ist die Torte, und nach Westen zu, das Bergland, ist der Löffel, der sich gierig in die Torte hineinsticht. Süß, sehr süß."

Marianne Gruber: "Und wenn es ein Aquarell wäre, dann wäre es sehr verschwommen, mit ineinander rinnenden Farben ohne sehr scharfe Grenzen und ich wüßte vorher nicht, was es eigentlich werden wird – genau."

Raoul Schrott: "Was das Österreichische sein soll, außer das Wiederfinden in einem Minderwertigkeitskomplex den Deutschen gegenüber oder in der Neutralität oder im Donauwalzer oder in ... Nein, wenn i an Hotels denk, dann sind es diese Holzbetten und die Zimmer mit den Waschbecken drin und ein ziemlich versiffter Spannteppich. Also, das ist österreichweit verbindend. Ein bißchen schmuddelig, ja schmuddelig! Eher depressiv. Mehr so dunkelbraun und ein bißchen staubig, so leicht angefettet wie die Polstergarnituren, auf denen schon Millionen Leute gesessen sind."

Rolf Schwendter: "Die Pyramide stünde für die Herrschaft und die ist in Österreich etwas hoch Angesehenes. Mit der Titelwirtschaft beginnend. Herr Kommerzialrat, Herr Professor, Herr Hofrat et cetera.
Der Schleimhaufen wäre das proteische hin- und her Fließen ohne besonderes Gesicht, ohne Intention, würde auch dem Den-Herrgott-einen-lieben-Mann-sein-lassen entsprechen.
Der Schleimhaufen oder etwas Vergleichbares kommt ja oft in der Metaphern über und gegen Österreich zum Ausdruck. Allerdings würde ich sagen, er reicht nicht hin."

Statistikerin: "Was die Österreicherinnen und Österreicher für ihr Land als repräsentativ erachten: Die große Tradition. Die Berge, Seen und historischen Bauwerke. Die Sängerknaben, den Stephansdom, die Lipizzaner und das Wiener Schnitzel."

Schülerin/Gedicht: "Oh, Österreich, oh, Österreich,
du bist an vielen Sehenswürdigkeiten reich.
Du blickst zurück auf eine 1000jährige Geschichte,
über die schon viele haben geschrieben Gedichte.
Du mußtest auch schon viele Kriege ertragen,
aber die alle konnten dir nichts anhaben.
Dein Aussehen prägen Berge, Seen und Wiesen,
dies wird jährlich von vielen Touristen gepriesen.
In diesem schönen Land zu leben ist ein Genuß,
und ich kann euch sagen, daß man so eine Heimat schätzen muß."

Robert Menasse: "So, jetzt kommt die Einfahrt nach Bad Ischl. Ich war zum ersten Mal im Kino in Bad Ischl. Ich war zum ersten Mal im Kaffeehaus in Bad Ischl, im Zauner. Und das sind offenbar Dinge, die genügen, um zumindest als Substitut oder Derivat von Heimatgefühl durchzugehen.
Der Kampf ums Materhorn mit Luis Trenker. Da, Lehár Filmtheater, da war das! Bei diesem Wochenschaubericht über die Olympiade in Rom habe ich zum ersten Mal Zeitlupe gesehen. Und wie die da gelaufen sind, die Sportler, hab ich geglaubt, Zeitlupe Laufen wäre eine eigenen Sportart, eine eigene olympische Disziplin. Wir Kinder im Internat haben dann versucht, das zu lernen.
Interessant war auch, das Internat hat sich befunden in einem ehemaligen Hotel. Da lernt man lesen und schreiben und das einzige außer Schulbüchern, das man zu lesen hatte, waren diese riesigen Marmortafeln und da standen drauf lauter Namen von Kaisern und Königen und Grafen und Baronen, die in diesem Hotel übernachtet haben. Für mich war auf diese Weise die Monarchie eine unmittelbare Lebensrealität!

(...)

Textauszug! Volltext als RTF-Datei downloadbar.

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22•07