Thierry Zaboitzeff & Crew: Missa Furiosa

Musikdokumentation 16:9, 44 Minuten, A 2003.

Kameras: Bernhard Pötscher, Gerald Helf, Harald Friedl
Musikton: Philippe Corbert
Filmton: Harald Friedl

Gefilmt im Posthof Linz, Oberösterreich, beim Brucknerfest 2002. Constantin Merkatz schreibt über die “Missa Furiosa” in den Salzburger Nachrichten unter dem Titel “Pfefferminz als Gottes Brot”:

Beim Eintritt in den Posthof-Saal bekam das Publikum zum Naschen Pfefferminzplättchen. Wer sie sich auf der Zunge zergehen ließ, konnte sich schwerlich der Assoziation mit einer Hostie erwehren.

Dies war der kokettere Teil des Spiels mit der christlichen Messe. Thierry Zaboitzeff dekonstruiert nicht. Die Komposition ist eigenständig und lässt die Zuhörerschaft erleben, dass Konsequenz auch jenseits von Strenge möglich ist. Oder humanistsich betrachtet: Nicht Religion ist die Antwort auf Sinnsuche und Fragilität der conditio humana, sondern Religiosität. Und Religiosität benötigt keine Kathedralen. Ihre Kathedrale kann die Stille eines Waldes genauso sein wie der Klangraum von Musik. [...]

Zaboitzeffs “Missa Furiosa” [...] ist eine Hommage an die menschliche Vitalität. Seine philosophischen Wurzeln liegen in den 60ern und 70ern, als vielen Menschen ein Neuentwurf der Welt nahe schien. Wer einen solchen Background hat, bewegt sich leichtfüßig in den Fußstapfen der Tradition.

“Ich habe gefunden, dass keine Sprache besser zu meiner Musik passt, als die lateinische”, lautet Zaboitzeffs Antwort auf die Frage nach seiner Motivation, eine Messe zu schreiben. “Am Anfang war es wie ein Spiel.”

Der Musiker mit Wohnsitz in Rif bei Hallein wurde 1953 als Spross russischer, spanischer und französischer Vorfahren in Nordfrankreich geboren. Als Kind saß er oft bei seinem Großvater, einem Kirchenorganisten, im Chorgestühl. Dort ließ Zaboitzeff sich beeindrucken vom Pomp der Musik, vom Pathos, vom Gestus der Messe, den Glocken. Das alles hat seinen emotionalen Zugang zu und sein emotionales Verständnis von Musik geprägt.

So ist denn auch die “Missa Furiosa” ein Werk großer Gesten am Rande des Pomp. Rock ´n´Roll, Jazz, Bands wie King Crimson, das Mahavishnu Orchestra, die erotischen Chansons von Serge Gainsbourgh haben Zaboitzeff beeinflusst. “Gloria”, Sanctus” oder “Kyrie” ertönen als Sound- und Rhythmusstrukturen zwischen Klassik, Techno, Ethno und Jazz. Die Bühnenshow unter Regie des Parisers Stephane Verité spielt teils ironisch, teils poetisch mit Elementen des christlichen Ritus – seinen Symbolen, der Segnung, der Predigt, der Prozession. Wie die Musik oszilliert auch die theatralische Darstellung zwischen Sehnsucht und Provokation.

Zu den besonders berührenden Momenten zählt, wenn das Jonglieren mit bekannten Bildern am symbolhaftesten wird im Spiel mit einer hölzenen Puppe, das an die Kreuzabnahme verweist. Im Schlussstück “Libera me” bleibt schließlich offen, an wen der Appell des Chores, die Bitte um Befreiung, sich wendet: An einen Gott? Oder vielmehr an etwas in einem selbst Verborgenes? An die Sehnsucht des Menschen nach etwas Großem jedenfalls, das über allem Bekannten stehen könnte, doch allein in der menschlichen Fantasie begründet ist.

Das Konzept, synthetische Sounds, Geiger, Rockdrummer und klassichen Gesang auf eine Bühne zu bringen, war wohl riskant und hätte leicht zu Konkurrenz und Auflösung führen können. Es ist der Dichte der Komposition und der Rolle Zaboitzeffs als Bass spielender pontifex maximus auf der Bühne zu danken, dass das Staunen über ein Werk großer Intensität und großer Emotionen nachwirkt.
[...] (30. September 2002)

Film wurde hergestellt aus Mitteln von Land Oberösterreich, Stadt Salzburg.