Scheiblingseder Pressreaktionen

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Quintessenz der Rockmusik
BERNHARD FLIEHER

Das Salzburger Rock-Phänomen Scheiblingseder feiert diese Woche sein 20-Jahre-Jubiläum

Wie findet man die Distanz und wie bewahrt man ruhig Blut, um in einem akademisch akzeptablen Stil über etwas zu schreiben, das einen trudeln, eiern und flennen lässt?, fragt Stephen Fry in seinem Roman Geschichte machen (übrigens: lesen!). Was er auf Literatur bezieht, gilt mir in ähnlichem Maß für den Rock ‘n’ Roll. Egal, ob es sich um die majestätische Tiefe von AC/DC, das erhabene Dunkel von Black Sabbath, den Aufruhr von Chuck Berry oder die Weite von Giant Sand handelt – es fährt, und zwar Mörder, ein. Irgendwo fehlt die kleine Hirnpartie, die tiefes Gefühl kalt, technokratisch, umweglos in Richtung jener Zellen schickt, die sich über Kraft und Herrlichkeit unterhalten können, als ginge es um Aktenordner oder Dienstpläne.

Dabei geht es um Schweiß und Tränen. Um Bewegung in der Lautstärke und um Emotion. All das bedienen Scheiblingseder, die zwar nur ein lokales, aber immerhin ein wahrhaftiges Rock-Phänomen geworden sind.

Seit 20 Jahren sind sie auf einem Feldzug, der der Unterhaltung in gleichem Maße dient, wie der Befriedigung eigener Lust am OEuvre der Rockmusik. Sie reisen durch Land und Geschichte und im Laufe der Jahre begannen die Stationen, immer weiter auseinander zu liegen. Und doch macht diese Salzburger Partie – Wolf Arrer, Peter Angerer, Horst Fischer und Harald Friedl – es mühelos möglich, stets Anschluss zu finden, zurückzublicken, sentimental zu werden, sich an Erinnerungen zu erfreuen oder (dadurch) ganz einfach einen Abend lang ausgelassen zu feiern.

Das gelingt so leicht und unterhaltsam, weil diese Herren keine Heilsbotschaft verkünden, keine revolutionäre Idee vorantragen,keine Aufklärung stattfinden lassen. Und damit haben Scheiblingseder die Quintessenz des Rock aufgespürt. Der mag die Gesellschaft nachhaltig verändert haben und er mag auch die beste aller Möglichkeiten sein, berühmt und/oder reich zu werden. Alles das ist aber nichts gegen seine Sprengkraft in Hinblick auf Emotionen.

Scheiblingseder haben das erkannt, ohne sich davon vereinnahmen zu lassen und auch ohne jemals wirklich ergründet zu haben, warum das so ist. Nachdenken tötet ohnehin Dinge, die mit dem Bauch und dem Herz funktionieren müssen. Rock ‘n’ Roll muss so passieren. Das Gebotene kann dann selber komponiert oder nachgespielt werden, Hauptsache, es ist zu erkennen, dass es mit hemmungsloser Freude getan wird.

Nur Coverversionen, drangen Wortfetzen eines Konzertbesuchers einmal durch das vorweihnachtlich rauschende Rockhouse bis an mein Ohr. Aber welche, guter Mann! Erstens werden die Songs aus der Kiste mit der Aufschrift Für immer und ewig geholt. Zweitens sind die meisten der Songs längst mit einer eigenen Handschrift versehen, mit dem Gespür, sich das aus Sky Pilot oder Like A Hurricane herauszuholen, was dann einen Scheiblingseder-Song (wenn auch nicht in der urspünglichsten, reinen Schaffensform) macht.

Scheiblingseder haben sich Mythen und Legenden zu Nutze gemacht, mit Männer-Freundschaft und Schmäh und freilich auch mit der Freude am Musikanten-Dasein. Sie tun mit Freude herrlich Unintelligentes, um es in den Worten von Scheiblingseder-Sänger Harald Friedl zu sagen.

Live, Freitag, 8.12.: Kulturgelände Nonntal (SN, Hauptausgabe, Kultur, 07.12.2000)