Harald Friedl: Text #5

Harald Friedl

Die verlorenen Gärtner von Lominoy

 

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Du legst an den Ufern des Südmeeres an. Es ist blau oder orange, je nachdem welche Sonne Gont eben umkreist. Die Mauer um die verlorenen Gärten ist aus Floranit, einem Stein, der schimmert. Du merkst, dass du in einer prächtigen, wertvollen Welt bist. Du stehst am Anfang der Reise, von der du nicht weißt, wie lange sie dauert und wohin sie dich führt. Du zeigst deine Eintrittskarte, näherst Dich dem Tor. Hinter dir schließt es sich. Vor dir liegen die verlorenen Gärten von Lominoy. In einer Galaxie, deren Form und Farbe der Moonblüte gleicht und die dünn und flatterig ist wie eine Membran. In ihrem Zentrum schwebt das Solarsystem der zwei Sonnen, Herra und Kobris, mit dem bewohnten Planeten Gont. Wie eine Schleife umkreist er die Sonnen in einer achtförmigen Bahn.

Du bist fort von deinem Ursprung, du bist ein Reisender geworden. Wie viele andere hast du dich aufgemacht, um ausgesetzt in einem Zustand des Staunens zu leben. Staunen über dich, staunen über Fremdes. Sofort bist du gepackt von prächtigsten Anlagen mit Pflanzen und Wegen, von unbekannten Hügeln und Gräben, von Buckeln einer natürlich wirkenden Ordnung. Die Farben der Pflanzen leuchten kräftiger als alles, was du gekannt hast. Offene Blüten richten sich nach dir aus, als wärst du eine wandelnde Sonne. Sie flüstern dir zu, du hörst ein Säuseln, Töne wiederholen sich, du erkennst eine Form. Sie verändert ihre Höhe, du hörst Musik. Es sind lang gezogene Töne, die von den Blüten ausgehen.

Zur Kunst von Gont gehört, Gärten nicht nur in Struktur und Farbe zu gestalten, sondern auch in ihrem Klang. Jede Zone der verlorenen Gärten schwingt in ihrer eigenen Harmonie. Wohlklang verleitet dich, innezuhalten. Bald schon lernst du, dass es besser ist weiterzugehen, immer fort, weil sich nur in Bewegung die Symphonie der Gärten erschließt. Nicht schnell sollst du gehen und nicht zu langsam. Trotzdem legst du dich hin und wieder auf den Torkum, wie die Erde in Gont heißt. Du verweilst nie lange, zu groß ist die Neugier. Du gehst durch einen Korridor, streifst mit den Händen über goldene Gräser, die sich dir von den Seiten zuneigen. Ihre Stimmen werden lauter, fröhlicher, wenn du sie berührst. Schon hast du ein weiteres Prinzip von Gont verstanden, die Berührung.

Gont hat eine eigene Topographie, eine Kosmologie, eine eigene Physik. Wenn Gont die Laufbahn um eine Sonne beendet und sie verlässt, ertönt ein ungeheurer Knall, der Charum. Ganz Gont bebt. Kein beunruhigendes Beben ist es, eher ein Zittern. Wie wenn es einem angenehm über den Rücken läuft. In den alten Mythen steht geschrieben, der Planet wäre ein Spielball der Sonnengötter, die ihn sich zuwerfen. Und der Charum wäre der Schrei, den sie im Augenblick der äußersten Kraftanstrengung ausstoßen. Wenn sich Gont langsam von einer Sonne löst und der Schwestersonne überlässt, reisen die Gonter an den Nordpol. Dort sind die beiden Sonnen am schönsten zu sehen, Herra geht im Osten auf und zugleich Kobris im Westen unter.

Langsam und knarrend öffnet sich ein Gatter. Du betrittst eine neue Zone der Gärten, dessen Torkum die Farbe von Wüstensand hat. Kakteen wachsen hier, die meisten größer als die Gonter, die zwischen ihnen spazieren. Ein junger Mann liegt auf einem Kakteenast, der sich wie eine Zunge länglich auf den Boden steckt. Du weißt, dass nicht wenige in den Gärten von Lominoy verloren gehen. Vielleicht ist er einer von denen, die nicht weiter können, weil es zu angenehm ist, zu verweilen. Blühende Yohuah Bäume verstellen dir den Weg. Du betrachtest eine Blüte, aus der ununterbrochen kleine, schimmernde Blasen ausströmen, hochfliegen und zerplatzen. Du wunderst dich, warum dir zuvor, im ersten Sektor des Gartens niemandem begegnet ist, nun aber viele Gonter um dich sind. Kinder drücken ihre Ohren an stachellose Stämme. Frauen und Männer liegen unter Araukarien und lauschen ihren Klängen. Gont lässt dich hören, wie das Wasser die Pflanzen hochsteigt.

Du fühlst dich vollkommen, wenn du von etwas gefesselt bist. Dann genießt Freiheit kein hohes Ansehen. Du legst dich unter eine fette, gelbe Blüte, groß wie ein Schirm, die sich sogleich über dich senkt, sodass die Morgensonne Herra und die Mittagssonne Kobris aus deinem Gesichtskreis verschwinden. Du schläfst ein. Du träumst die alte Weisheit von Gont: Am Anfang war der Klang. Er brachte Wesen hervor, die ihn bewunderten. Um ihm zu antworten, erfanden sie die Musik. Im Traum siehst du, dass die Ausdehnung von Raum und Zeit immer schon war. Du hörst den Urknall, sieht wie das alte Vorgängeruniversum verschwindet, indem sich das Äußere nach innen stülpt. Und sogleich entsteht ein neues, inverses Universum, denn das, was zuvor zuinnerst war, ist nun außen. Du siehst Galaxien entstehen, die Milchstraße, nicht weit davon die Circinusgalaxie und die Moonblume. Du näherst dich Herra und Kobris, verstehst, dass du nach Hause kommst. Du siehst im Zeitraffer, wie gelassen Gont seine Schleife zieht. Und du hörst das lang gezogene Grollen des Charum bei der letzten Sonnenwende, als Gont von Herra zu Kobris wechselte. Du wachst auf und watest durch einen Bach. Eine Gärtnerin hackt den Boden auf und gießt eine Blüte, die ohne Stängel aus dem Torkum sprießt. Die Frau ist hellgrün gekleidet und in der gleichen Farbe erstrahlt die Blüte. Die Frau gefällt dir. Am liebsten würdest du sie berühren und an dich ziehen. Du mimst Interesse an der seltsamen Pflanze, stellst Fragen, aber überhörst die Antwort fast. Denn deine Aufmerksamkeit gilt nur dem Körper der Frau, ihren Hüften, ihrem Mund. Du hoffst ein wenig Interesse an dir als Person in ihren Augen zu lesen. Doch davon ist nichts zu merken. Die Frau ist dabei, dich zu belehren, sie ist in Gedanken bei der Pflanze, die sie Wandelblume nennt. So viel verstehst du immerhin: Wandelblumen folgen nicht dem Licht der Sonnen. Sie nehmen die Farbstimmungen ihrer Umgebung an. Sie sind wie Spiegel der Seelen, Tröster und Müllkippen der Gonter in einem. In Gärten werden sie nur selten gepflanzt, denn sie sind verräterisch. Zu oft schon haben Wandelblumen Absichten aufgedeckt. Du näherst dich der Pflanze und merkst, was die Gärtnerin meint. Die Wandelblume verliert ihr helles Grün, sie nimmt deine Farben an. Die Züge deines Gesichts zeichnen sich auf ihrer Oberfläche ab wie ein abstraktes Gemälde. Überdeutlich offenbart sich dein Blick, die verhaltene Lust darin. Rasch ziehst du dich zurück. Und deine eigene Wandelblume hätte dir auch weiterhin nicht gefehlt, fragte dich die Gärtnerin nicht danach, wie es um die deine stehe. Du weißt noch nicht, dass eine Frage nach der Wandelblume eine nach dem eigenen Wohlbefinden ist und musst gestehen, dass du keine solche Blume besitzt. Trauer und Einsamkeit streifen dich, weil du dich wie ein Fremder fühlst, ahnungslos von Gont und dem Zauber seiner Gärten. Machen Sie sich nichts draus, sagt die Gärtnerin. Sie nimmt dich an der Hand und zieht dich mit. Sie führt dich an ein Beet mit Blumen, deren Blüten die Form, das Gelb, das Rosa und Violett von Löwenmaul haben. Die Gärtnerin streckt ihren Arm aus. Sie weist dich an, deine Hand auf die Zunge des Löwenmauls zu legen. Du gehorchst. Da schließt sich die Blüte um die Hand. Die Pflanze wächst rasend schnell in die Höhe und hebt dich empor. Auf einem Plateau, an dessen Rand eine lange Reihe kleiner Hütten steht, setzt sie sich ab. Du gehst zu der Hütte vor dir, legst deine Hand in eine Vertiefung an der Pforte und schon öffnet sie sich. Du trittst ein in einen kreisrunden Raum, in dessen Mitte eine große Topfpflanze steht, eine Wandelblume, wie du sie im Park gesehen hast. Sie schüttelt sich aus Freude über dein Kommen. Die trittst näher. Ihre Oberfläche spielt Farben, als bestünde sie aus einem Edelsteinmosaik, das im Licht der Sonnen glänzt. Du beginnst zu singen, du kannst nicht anders, weil du den Klängen der Wandelblume antworten musst. Eure Stimmen sind wie ein Werben umeinander, wie Umarmungen. Und da du das fühlst, weißt du, dass du wieder etwas gelernt hast. Und dass nichts umsonst ist, was du erlebst auf Gont. Du willst der Gärtnerin danken und stehst plötzlich wieder neben ihr am Löwenmaulbeet. Seien Sie vorsichtig mit ihren Wünschen, rät sie. Manche gehen unterwegs verloren. Und spalten Sie sich nicht zu oft auf, es macht gereizt und fahrig. Bleiben Sie ein Weilchen bei ihrer Wandelblume. Sie ist auf den Tag so alt wie Sie. Sie hat auf Sie gewartet, sie wird immer für Sie da sein und sie wird sterben, wenn Sie sterben. Du fühlst, dass du bisher nicht gelebt hattest. Oft hast du geklagt, dass man im Leben immer nur einen Weg gehen kann, dass man, wenn man eine Sache lebt, eine andere nicht durchleben kann. Nun siehst du die Möglichkeit, dieser Beschränkung zu entkommen. Du erlebst dich als gefesselt und frei zugleich. Denn während du der Gärtnerin zuhörst, spürst du, dass der Kern deines Selbst unter der Wandelblume ruht und stärker wird.

Vielleicht werden wir uns wieder sehen, sagt die schöne Gärtnerin.

Dein äußeres Ich blickt der Frau nach. Du glaubst, du bist frei, aber du bist getrieben. Du glaubst, du hast es gut, aber du suchst nach etwas Besserem. Du weißt, wenn du bleibst, kommst du nicht weiter, nimmst du in Kauf, zurückzufallen. Eine Bedingung von Lominoy lautet: Schreite fort, wenn du die Symphonie hören willst. Gehe aufrecht oder schaufle dein eigenes Grab. Du balancierst auf dem waagrecht abstehenden Ast eines Trauerschnurbaumes und glaubst, zu fallen. Dir nicht den Knöchel zu verstauchen, wäre schon ein bestandenes Abenteuer. Dabei sitzt du in deinem Refugium, lächelst im Schein deiner Wandelblume und freust dich, wie schön du ihrem Gefühl nach bist. Eine Eule setzt sich an dein Fenster, sie hält etwas im Schnabel. Du stehst auf, näherst dich ihr, sie lässt sich den Zweig aus dem Schnabel nehmen. Um den Zweig ist ein Zettel gerollt. Geh weiter, steht darauf, folge der Eule. Du willst keinem Vogel gehorchen, aber einer schönen Gärtnerin doch. Wie kommst du auf die Idee, sie müsse dir geschrieben haben? Du bist längst zum Gonter geworden. Hier gibt es Bewirkungen über große Entfernung. Du willst wie alle anderen auch an den Nordpol, um zur Sonnenwende den Charum zu hören. Unterwegs willst du den Symphonien der Pflanzen lauschen, Abenteuer erleben und dich bei deiner Wandelblume ausruhen. Du kehrst immer wieder zu ihr zurück. Mal voller Zuversicht, mal angeschlagen. Sie richtet dich auf, sie beruhigt dich, sie heilt dich. Du entlässt dich in die Gärten der Vögel. Du schickst dein äußeres Ich durch die Zone der Feuergärten und lernst Mitgefühl mit einem Stein zu haben, der in flüssigem Magma schmilzt. Du streifst durch das hohe Gras der subtropischen Zone, findest die Stimmen der Pflanzen plötzlich irritierend. Sie klingen unnatürlich zäh und tief, als wäre das Wasser, das in ihnen hochsteigt, dickflüssig. Um deinem Unbehagen zu entkommen, beginnst du zu rennen. Da wird der Klang der Gräser langsam höher, als treibe dein Schritt einen Teller an, auf dem eine Schallplatte liegt, die durch deinen Lauf erst in die richtige Umdrehungszahl kommt. Du gerätst außer Atem, die Musik wird wieder träge, zäh und bedrohlich. Die Sonnen verdunkeln sich, die Luft flirrt metallisch und du fragst dich, ob du überhaupt noch auf Gont bist. Es könnte der Weg in eine Unterwelt sein, dem du folgst. Instinktiv reißt du im Lauf Gräser ab und stopfst sie dir in den Mund. Plötzlich bekommst du wieder Luft und neue Energie. Du kannst laufen, wirst nicht müde. Da merkst du, dass du nicht alleine bist, auch andere rennen wie du. Du siehst Gonter zu Boden fallen, du wirst von einem überholt. Du denkst an deine Wandelblume, wie sie wohl aussieht jetzt, da du dich so abmühst und dich rasender Zorn erfüllt gegen den, der schneller läuft als du. Die Ebene wirft sich auf zu kleinen Hügeln, die sie wie Pusteln bedecken und schon siehst du niemanden mehr. Bist du nun seit Tagen auf Gont oder Monate lang? Irgendetwas wirft dich zurück. Du darfst noch einmal an die Pforte am Meer der Südufer. Du darfst noch einmal durch den Garten der Klänge und durch die Wüste gehen. Du darfst noch einmal der Gärtnerin begegnen. Irgendwie kommt dir die Idee, du hättest unterwegs etwas vergessen oder etwas nicht aufgelesen, was du keinesfalls hättest liegen lassen sollen. Also nimmst du aus jeder Zone des Gartens ein paar Handvoll Torkum mit, die du in die Ecken deines Refugiums bettest. Du gelangst in eine Zone, in der sich alles unentwegt ändert. Stämme und Stängel wandeln sich langsam in transparente Strukturen, zu Zylindern. Wege und Beete verschieben sich, der Sand unter deinen Füßen zittert so, wie wenn Druckluft von unten durch ihn durchbliese, als gingst du auf Treibsand. Die siehst wie ein Mann darin versinkt, du kannst ihm nicht helfen, du willst es auch nicht. Manche Blüten zittern und explodieren. Auf einmal wird die Explosion umgekehrt, die zerrissenen Bestandteile der Blüten vereinigen sich zu ihrer ursprünglichen Form, in der sie schließlich weiterzitten, sich zerlegen und neu formen. Du schwankst. Es ist, als tauschten die Beete ihre Plätze. Die Hecken winden sich wie Schlangen, die an ihren Schwanzenden festgenagelt sind. Es gibt keine Koordinaten, keine Melodien, die dich tragen. Der Boden unter deinen Füßen verflüchtigt sich, beinahe stürzt du ab, du siehst andere fallen. Du sagst dir, keine Angst, dir kann das nicht passieren. Noch einmal rüttelt der Boden, du meinst, etwas greife von unten nach dir wie Algen, in denen du dich verheddert hast, mit jeder deiner Bewegungen wird die Verstrickung enger. Das Bild deiner Wandelblume taucht vor dir auf, du spürst, wie ruhig sie ist, sie strahlt in orange und rosa. Da ahnst du die Festigkeit von Gont und dass bei aller Unruhe nichts dich verschlingen wird, solange du Vertrauen zu den verlorenen Gärten hast. Während alles um dich sich verändert, gehst du wie auf Glas.

Die Wandelblumen in ihren Beeten verhalten sich auffällig ruhig. Hier, in der Zone der Inversion, verändern sie ihre Farben nur langsam. Es scheint sie nicht zu beeindrucken, was die Gonter, die sich in großer Zahl um sie sammeln, fühlen und denken. Hier versagt ihre verräterische Kraft. Hier versammeln sich die Jäger der Klänge, die ansonsten die Öffentlichkeit scheuen, und alle, die an ihrem Wirken interessiert sind. Spione und Möchtegernjäger. Eine Frau gibt an, nach dem Klang einer ausgestorbenen Tierart suchen zu wollen. Die Rede ist vom Infraschall in der Stratosphäre, wo sich die Reste der verklungenen Töne ablagern. Du erfährst, dass sich mit dem Charum andere aufmachen wollen, die Stimme des Propheten einzufangen, oben, in der Ursuppe der Sounds. Und dass andere sich sogar so weit vorwagen wollen, den ersten Charum, der je erklang, einzufangen. Jemand sagt, er halte das alles für unmöglich, er suche nur nach den Stimmen seiner Ahnen. Dafür erntet er Gelächter, als wäre sein Plan ein Kinderspiel. Natürlich wissen alle, dass schon die Aufgabe, die er sich gestellt hat, eine noble und große ist und nur selten gelingt. Atome, Protonen, Neutronen, Quarx, alles schwingt. Klang ist der Ursprung von allem, was ist. Darüber scheint es Konsens zu geben. Und die Strings, die kleinsten Bausteine, sind überhaupt nur noch reine Schwingungsenergie und ohne den Anschein von Materie. Du könntest weitergehen, dich nicht beeinflussen lassen von dem Gerede. Aber du weißt, dass auf Gont nichts umsonst geschieht. Dass Begegnungen und Informationen Bedeutung haben, dass alles, was du erfährst, auch Anleitung ist. Am Planeten dient alles den Zweck, dir auf dem Weg zur Vervollkommnung behilflich zu sein. Du lässt dich noch einmal von deiner Wandelblume zu ihr rufen, um dich in ihrem Spiegel zu betrachten, um zu schlafen, zu träumen, um dich zu stärken. Du riechst an den vier Häufchen des Torkum, tauchst deine Hände in sie ein und reibst den Staub in dein Gesicht. Du streichst über deine Wandelblume, die genussvoll einatmet.

Du hättest nie gedacht, dass es so viel Gonter gibt, wie am Nordpol versammelt sind. Es müssen Hunderttausende sein, Millionen vielleicht. So überrascht bist du, dass du nicht gleich merkst, dass die Pflanzen fehlen. Der Boden ist nackt, voller Geröll, es gibt kein Torkum. Noch ist die Sonne im Westen knapp vor dem Horizont, noch ist die Sonne im Osten nicht aufgegangen. Aber du fühlst, so wie alle Gonter, die fiebrige Erwartung jenes Augenblicks, in dem sich Gont von Kobris löst, sich dem Gravitationsfeld von Herra übergibt und der Charum ertönt. Zu dieser Sonnenwende, so erfährst du, hat das Gros der Jäger der Klänge den Auftrag übernommen, die Dauer des Charum zu messen, den ursprünglichen Knall, der nur wegen seiner mehrfachen Reise um Gont am Planeten als Grollen anhält. Du weißt, dass du nicht zur Gruppe gehören willst, du willst alleine hinaus und weiter weg in die Tiefen der Zeit. Da kommt der erste Schimmer von Licht im Osten und du wirst ruhig.

Bevor du den Charum hörst, spürst du ihn. Der Boden zittert, Geröllbrocken schaben aneinander. Als das Dröhnen bei dir ankommt, glaubst du, die Druckwelle, die die Luft zum Vibrieren bringt, davor schon gesehen zu haben. Nur Sekunden dauert es, dass der Charum sein Volumen voll entfaltet. Du musst dich aus dem Zustand der Bewunderung lösen, deine Hingabe von dir trennen. Plötzlich verspürst du die Drehung von Gont. Sie wird schneller, rasend schnell und du begreifst, was du schon immer gewusst, aber nie gefühlt hat, dass die Umdrehung des Planeten nur in Relation zur Weite seiner Reise um die Sonnen bedächtig und würdevoll erscheint. Dass in Wahrheit die Unruhe der Ursprung jedes Lebens ist und dass die Sehnsucht nach Ruhe der Sehnsucht nach dem Tod ähnelt. Dein Körper schraubt sich nach oben, es ist alleine eine Wirkung deines Willens. Mit dir erheben sich auch einige andere. Wie du atmen wirst, weißt du nicht, denn es kann keine Luft geben, wo du hinkommst. Die Gärten von Lominoy dehnen sich unter dir nach Süden aus. Du kannst die Küste am Meer der Südufer erkennen. Rasch verliert es seine blaue Farbe, es wird orange, weil das Licht von Herra das Licht von Kobris zu überlagern beginnt. Irgendwo tief unter dir liegt das Plateau der Refugien, du kannst es nicht finden. Trotz der Gefahren des Fluges fühlst du dich sicher. Weil du vertraust, dass dich deine Wandelblume hält. Du lässt dich treiben im Strahlstrom, der stürmischen Zone zwischen Troposphäre und Stratosphäre. Du bist alleine, tauchst in das Urmeer der Klänge. Du kannst Schallwellen voneinander unterscheiden, erkennst, was zusammengehört und was nicht, was Strings sind und was nur Schlacke. Du findest den Klang eines Vulkanausbruchs und eines verglühenden Meteors. Du meinst, ein Fragment der Stimme deiner Mutter zu erkennen (irgendwie klingt sie auch nach Jahrzehnten noch in dir nach), als sie ganz jung war und ihren Säugling zu beruhigen trachtete. Die Sätze, die gesprochen wurden, sind zerstückelt. Doch du hast die Gabe, weit voneinander Entferntes zusammenzuführen. Und so bildest du ein Wort, einen Satz, einen Gedanken. Dabei kommt dir zu Hilfe, dass die Zahl und Art der Klänge, die für dich vielleicht erfassbar sein können, nicht unendlich groß ist. Nur solche können dir zugänglich sein, wie dir im tiefsten Inneren bekannt vorkommen können. So wärst du der Falsche, nach den Worten des Propheten zu suchen. Du aber kannst den ersten Charum finden, der erklang, als Herra und Kobris ein Paar wurden, einen durch das All rasenden Gesteinskoloss in ihre Umlaufbahn zogen und einfingen. Stand von Beginn an fest, dass Gont eine Schleife um die beiden Sonnen ziehen würde? Du erkennst, wie es war: Lange bevor Gont einen Namen hatte, raste er alle paar Millionen Jahre zwischen Herra und Kobris hindurch. Wohl unter dem Einfluss anderer Sterne und nicht im Gravitationsfeld der beiden Sonnen. Die Schleife wurde enger im Verlauf von Jahrmilliarden, aus den wiederholten Begegnungen entstand eine Beziehung zu Herra und Kobris, die fortan hielt und Vorbedingung für das Leben am Planeten war. Irgendwann ließ sich Gont von einer der beiden Sonnen fangen. Nach einer ersten Umlaufbahn musste das Band reißen, damit sich Gont der Schwester überantworten konnte. Damals erklang der erste Charum. Am Anfang war der Klang. Er brachte die Welt durcheinander. Die Schwingungen ihrer Teilchen konnten sich fortan nicht mehr selbst genügen, weil Schwingungen von kosmischen Dimensionen ihren Zustand erschüttert hatten. So entstand das Leben. Noch hast du nur die Botschaft des Charum verstanden. Noch hast du den Ursprung des Lebens nicht erfasst. Du ahnst, dass du in das Meer der Strings tauchen musst, um weiterzukommen. Ansatzweise gelingt es dir. Als kleinste Fädchen schwingen sie in so unterschiedlichen Frequenzen, wie es Erscheinungsformen gibt. Die einen schwingen, um ein Ton, die anderen schwingen, um ein Staubkorn zu sein oder eine Sonne oder du. Du versuchst zu verstehen, was die Strings trotz ihrer Flüchtigkeit zusammenhält, dass du deine Form behältst. Zumindest für eine gewisse Zeit. Du willst hören, wie es klingt, du zu sein, und horchst noch tiefer in dich hinein. Nur für diesen einen Augenblick bist du nach Gont gekommen, bist du durch die verlorenen Gärten von Lominoy gezogen, um dich dazu zu befähigen, dich selbst zu verstehen. Alles Lernen, alle Schritte, alle Begegnungen dienten in Wahrheit nur diesem einen Ziel. Du begibst dich in Gefahr. Denn was würde geschehen, wenn du dich selber hören könntest? Wenn deine Synapsen ihre eigene Schwingungsenergie übertragen müssten und damit ihre eigene Beschaffenheit? Müsste es sie nicht zerreißen wie die Pflanzen im Garten der Inversionen? Und während du zögerst, merkst du, dass der Charum abebbt. Du erinnerst dich, dass du nur so lange Zeit hast, im Urmeer der Klänge zu jagen, wie der Charum anhält. Der nächste Punkt auf Gont, den du vielleicht erreichen kannst, ist deine Wandelblume. Aber du weißt nicht mehr, wo du das Refugium zuletzt gesehen hast. Du rufst dich zu ihr zurück, fängst dich in den Wirbeln des Strahlstroms. Du musst weg von da. Schon kannst du den Charum nicht mehr hören. Doch das kann auch am Lärm des Strahlstroms liegen. Du fühlst die Panik, dass alles umsonst war. Dass du dich bemüht und dein Bestes gegeben hast, was doch nur dazu reichte, in der unwirtlichsten Zone des Planeten verloren zu gehen und für den Rest der Zeit des Universums im Strahlstrom zu schwimmen wie Treibholz in brackigem Wasser. Du sinkst zu schnell, du verschwindest aus deinem Bewusstsein.

Licht flackert auf, du hast Herra im linken und Kobris im rechten Auge. Du fällst in einen Raum, der mit schimmerndem Floranit ausgelegt ist. In der Mitte des Raumes steht eine fremde Wandelblume, an der Wand lehnt die schöne Gärtnerin, die irgendetwas in einer fremden Sprache sagt, die du nicht verstehst. Du versuchst zu erzählen, was du erlebt hast. Doch deine Zunge lässt sich nicht bewegen. Wenn du wieder reden kannst, willst du die Gärtnerin fragen, wie es ihrer Wandelblume geht. Da fällt dein Blick auf deine eigene. Sie ist in einem bemitleidenswerten Zustand. Du kriechst zu ihr, umarmst sie, fragst sie, wer ihr das angetan hat. Du weißt, was sie antworten würde, wenn sie noch könnte. Du hast mich nicht gegossen, nicht gedüngt, du hast dir zu wenig Zeit für mich genommen. Wie du denn je hattest glauben können, Großes tun zu können, wenn du das Kleine vernachlässigst? Da weinst du aus Mitleid und weil du merkst, dass du alles hättest erreichen können, wenn du nur besser auf sie acht gegeben hättest. Du willst noch einmal von vorn beginnen. Du willst noch einmal an den Ufern des Südmeeres stehen vor dem großen Tor, voller Erwartung und unwissend deine Eintrittskarte zeigen und, ausgestattet mit der Bereitschaft zu staunen, eingelassen werden in die verlorenen Gärten von Lominoy.



(PS: Der Name Gont für den fremden Planeten ist eine Hommage an den Roman „Der Magier der Erdsee“ von Ursula K. Le Guin. Die Hauptfigur, der Magier, stammt von der Insel Gont, die als Land der Zauberer bekannt ist.)


 


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31•07