Harald Friedl: Text #5

Harald Friedl

In der Mitte der Zeile

 

pdf-Version


In: Elisabeth Schawerda, Barbara Neuwirth, Harald Friedl „Magische Worte II“. Originalgrafiken von Georg Koenigstein, Edition Koenigstein, Klosterneuburg 2006

 

Dartmoor befindet sich am magischen Zipfel Englands. Im Westen von Devon, nah der Grenze zu Cornwall. Eine Reise dort hin kann über die Ruine Tintagle führen oder über die Steinkreise von Avebury und Stonehenge. Oder an jenem grasbewachsenen Abhang von Cherhill vorbei, auf dem die dutzende Meter große Gravur eines galoppierenden weißen Pferdes prangt. Irgendwann haben Menschen sie in den Hügel geritzt und den Humus innerhalb der Umrisse abgetragen, bis der Kalk darunter zum Vorschein kam.

Fünfhundert Meter über dem Umland liegt Dartmoor. Naturkräfte haben eine unwirtliche Landschaft geformt. Die Hügel steigen so sanft an wie sie gleichmäßig absinken. Angeblich fällt an 220 Tagen im Jahr Regen. Die Seen sind nicht lieblich, die Felsformationen nicht spektakulär, Wälder nur spärlich vorhanden. Der Boden ist in den Senken moorig weich und auf den Erhebungen hart, weil die Erde nur dünn die Felsen bedeckt. An vielen Stellen buckelt Granit hervor. Wälle aus Stein sind über das Land gezogen, verzweigt und nur mit ungenauem Augenmaß bemessen. Aus der Ferne betrachtet wirken sie wie Fäden, die nicht ordentlich gespannt wurden. Steine und Felsbrocken liegen herum. Granit ist das Einzige, was man hier reichlich vorfindet. Auch die höchsten Erhebungen, die “Tore”, tragen Kappen aus Fels. Manche sind länglich und wie die Rückenkämme von Sauriern geformt. Kaum vorstellbar, dass dieses Land je seine Bewohnerinnen und Bewohner ernährt haben soll.

Frühe Siedlerinnen und Siedler hinterließen stehende Steine. Diese Menschen gaben Botschaften, welche sie von den Elementen empfingen, im Tausch gegen Fisch, Metall und Getreide an die Küstenbewohner weiter. Am beständigsten bewohnt dürfte Dartmoor in der Bronzezeit gewesen sein. Doch mit den Jahrhunderten wurde das Klima kälter, der Boden saurer. Die Säure hat alle Überreste, die nicht aus Stein waren, verdaut: die Metalle, die Rundhäuser aus Holz und die Knochen. Nur Feuersteine, Grundmauern und Grabkammern blieben übrig. Später fanden Kelten Zinn in Dartmoor und verkauften es an Phönizier und Römer. Obwohl immer mehr Sachsen nach England drangen, machten sie Dartmoor den Kelten nie streitig.

Als Ortschaften aus Stein gebaut wurden, musste man in Dartmoor nach Material nicht weit suchen. Great Sloncombe Farm wurde errichtet, die Kirche von Widecombe und die Brücke von Postbridge aus mehreren vier Meter langen Granitplatten. Die Farmer von Nun´s Cross versuchten sich als Ackerbauern. Sie zogen fort, als das Getreide nicht reifte, das Dach Löcher bekam und ein zweiköpfiges Schaf geboren wurde. Im 19. Jahrhundert wurde einem gewissen Lord Thomas Tyrwhitt vom Prince of Wales Land in Dartmoor zugesprochen. Doch auch seinen Leuten gelang es nicht, das Moor trocken zu legen. Also ließ Tyrwhitt jenes Gefängnis errichten, das Edgar Wallace inspirierte, bei Nacht und Nebel Verbrecher entkommen und im Moor versinken zu lassen. Der Hund der Baskervilles von Arthur Conan Doyle trieb hier sein Unwesen und ein kopfloser Reiter, den niemand erfunden hat, aber schon viele gesehen haben. Aufregende Träume reiften in Dartmoor. Solche, welche satt machen sollten, erfüllten sich nie. Und so blieb das Moor als letzte große Wildnis Englands erhalten.

An einem Morgen im Juni ging ich von Moretonhampstead los und wanderte Richtung Süden. Zwischen Tümpeln, Rinnsalen und Wildblumen grasten Schafherden und Wildpferde. Viele der Feldwege endeten an übermoosten Steinen, einem Tor, einer Scheune. Den ganzen Tag über begegnete ich niemandem. Ich aß, was ich im Rucksack mitgebracht hatte, und trank das whiskeyfarbene Wasser der Bäche. Am Nachmittag gelangte ich nach Haytor. Zwei parallele Felskämme ragten in die Höhe, steil fielen sie an den Seiten ab. Salziger Wind blies. Ich suchte Schutz hinter Felsbrocken, rollte meine Matte aus und legte den Schlafsack darüber.

Nie davor hatte ich mir so viel Zeit gelassen, einen Sonnenuntergang zu betrachten. Ich studierte das Schmälerwerden des Abstandes zwischen Sonne und Erde, als wäre dies die bedeutsamste Bewegung, die es gab. Manchmal schienen Sonne und Erde still zu stehen. Der Streifen zwischen dem Hügelkamm und dem Stern verringerte sich für eine Weile scheinbar nicht. Dann schien sich die Erde ruckartig zu drehen, innerhalb von Sekunden verengte sich der Spalt. Auch der Alterungsprozess verläuft vermutlich so, nicht gleichmäßig, sondern in Schüben.

Nachdem das Abendrot verblasst war und Nachtblau den Farbton gab, kam ich mir vor wie ein alter Mann, in dem ein Sonnenuntergang die Hoffnung nährt, dass auch das Sterben so ein sanftes Erlöschen ist.

Die Kühle des Morgens sickerte in meinen Schlafsack. Ich fror. Also stand ich früh auf, sprang herum und wusch mich in einer Pfütze. Ich wanderte über Farne und Flechten. Menhire waren die Landmarken, die ich begeistert ansteuerte. Zeichen vergangener Zeiten, in denen das Einfache große Kraft entfaltet hatte. Nicht nur Landschaften erschlossen sich mir. Auch mein Zeithorizont änderte sich. Ich fühlte mich so, als wäre meine Jugend gerade erst gewesen und das hohe Alter stünde mir unmittelbar bevor. Als ob Jahrtausende komprimiert wären, fühlten sich Urgeschichte, Steinzeit, Mittelalter hier näher an als anderswo.

Später als vorgesehen gelangte ich nach Widecombe-in-the-Moor, aß Lunch und kaufte Proviant. Dann setzte ich meinen Weg fort. Am Nachmittag fiel innerhalb von Minuten Nebel ein. Umgeben von einer Glocke aus feinsten Wassertröpfchen, konnte ich keine zwanzig Meter weit sehen. Gräben und Hügel tauchten unvermittelt auf. Es war nicht möglich, sie weiträumig zu umgehen. So wurde mein Weg beschwerlicher. Kompass und Landkarte bewahrten mich davor, mich zu verirren, obwohl es kaum markierte Pfade gab.

Als ich spät in Two Bridges ankam, nahm ich mir ein Zimmer im einzigen Hotel. Ich trank an der Bar ein Guiness, und versuchte, mich mit einem Einheimischen zu unterhalten. Meine Gedanken schweiften während des Gesprächs immer wieder ab. Zum Nebel, den Menhiren und den spärlich bewachsenen Hängen. Als ich auf mein Zimmer ging, öffnete ich die Fenster. Draußen war es absolut still.

In der Morgenzeitung las ich, dass die Sonne am nördlichsten Punkt im Jahr aufgegangen war. Der Tag der Sonnenwende! Nach Cornflakes, Bohnen und Spiegelei machte ich mich auf den Weg über Nun´s Cross nach Sheepstor und dann wieder nach Norden. Ich genoss den Wind auf meinem Gesicht, strich mit der Hand über das stoppelige Gras, stieg über Steinwälle vom Vixen Tor hinab und versuchte dabei, die Laute der Schafe nachzumachen, um sie vom Fressen abzulenken. Gegen Mittag gelangte ich zum Long Ash Hill. Etwa in der Mitte des Abhanges fand ich zwei gerade, parallele Reihen liegender und stehender Steine.

Kein anderes Werk von Menschenhand, das ich gesehen hatte, war so versteckt, so unscheinbar und doch so eindrucksvoll wie diese aufgereihten, unbehauenen Felsbrocken. Keiner war höher als einen Meter. Seit 4000 Jahren standen und lagen sie eng nebeneinander. Aus einiger Entfernung betrachtet, waren sie nicht höher als kleine Wellchen auf ansonsten ebenem Boden. Nach den Maßstäben einer rationalen, forschenden Welt bedeuteten sie nichts. Ich spazierte die Zeile entlang und betrachtete jeden Stein genau. Die einen waren geborsten, andere sahen poliert aus, manche tief ins Erdreich gesunken. Manche wirkten wie eben erst gesetzt, obwohl sie an den Rändern fest in Moos und Gras fixiert zu sein schienen. Ich stellte mir kleine Menschen vor, die dazwischen liefen und Laute ausstießen, deren Sinn mir unverständlich war. Auf halbem Weg, nach über hundert Metern, überraschte mich ein Loch von einem halben Meter Durchmesser. Es war nicht tief und mit steinernen Platten ausgekleidet. Ich konnte das Loch nur bestaunen und sah die Steinreihen nun mit neuen Augen an. Wie Zeiger einer stehengebliebenen Uhr erschienen sie mir jetzt und das Loch wie ihre Achse.

Das war etwa eine Stunde vor der Sonnenwende. Ich stieg in das knietiefe Loch und nahm die Stelle des Pfahles ein, der hier vermutlich gestanden war. Hangabwärts lag meine Vergangenheit, hangaufwärts lag meine Zukunft. Den unteren Schlussstein, einen kleinen Menhir, deutete ich als Zeichen meiner Geburt. Die flachen Steine, die auf ihn folgten, zu Symbolen der zwei Arme und Beine eines krabbelnden Kindes. Die folgenden, etwas höheren, standen für einen kleinen Jungen, der zu gehen lernte. Erinnerungen stellten sich ein. Ich sah mich, wie ich als Kind aussah: runde Backen, breites Lachen, abgebrochene Schneidezähne als Folge eines Unfalls. Dann sah ich mich als Jugendlichen, den Bartflaum, in die Stirn fallendes Haar, die Pickel, den trotzigen Blick eines von der Welt Beleidigten. Über dieses Gesicht legte sich der Ausdruck des Studenten. Er triumphierte. Er lernte, er verletzte und wurde gekränkt. Viel Spaß war da und wenig Krankheit. Dann nahm ich die Züge eines enttäuschten Liebenden an, der sich mit vielen Frauen zu trösten versuchte. Mutiger wurde ich mit der Zeit. Aber ich lernte auch die Angst kennen, dass einem Fall kein Aufstehen folgen könnte.

Als ich vierundzwanzig geworden war, hatte sich die Gewissheit eingestellt, das erste Viertel meines Lebens erreicht zu haben. Im Loch von Long Ash Hill war ich doppelt so alt wie damals. Wenn sich meine Erwartung erfüllte, war ich nun halb so alt, wie ich werden würde.

Es gehört zu meinen Marotten, in geometrischen Strukturen die Mitte zu suchen. Einst hatte ich einen Freund, welcher der selben Obsession unterlegen war. Er zählte die Zebrastreifen und würdigte dem Mittleren besondere Aufmerksamkeit. Er zählte die Bücher in einem Regal und bestimmte den arithmetischen und den geometrischen Mittelpunkt. Er sagte mir, er wolle hundert Jahre alt werden, weil das Fünfzigste sein bestes gewesen war. Mit hundert feierte er ein zweites Mal die Fünfzig. Auch sein anderer großer Wunsch ging in Erfüllung: Er wollte bis zuletzt mit einem heißen Herzen leben und schließlich alt und lebenssatt sterben.

Ich konnte mir keinen besseren Schluss für ein Leben denken. So viele unglückliche Alte hatte ich gesehen, einsame, kranke, müde. Wenige, die mit Gelassenheit ihre letzte Tage auf sich zukommen ließen. Die sich sagten, es mache ihnen nichts aus, wegzugehen, es wäre ihnen recht, wenn die Geschichte zu ihrem Ende kommt. Schön und befriedigend musste es sein, sich dem Tod hinzugeben wie der Müdigkeit nach einem langen, intensiven Tag.

Tropfen eines feinen Sprühregens trafen auf mein Gesicht. Ich blickte mich um, fand keine Wolke. Jeden Moment musste die Sonne ihren höchsten Stand erreichen. Ein günstiger Zeitpunkt, die Mitte meines Lebens zu feiern (die Gewissheit greift manchmal einer Tatsache vor). Am Schluss der Strecke ragte der Markstein meines Endes empor. Gedanken an den Tod erschreckten mich nicht. Doch hatte ich Angst, im hohen Alter auf mein Leben zu blicken und darin katastrophale Fehler oder Versäumnisse zu erkennen, die nicht mehr geklärt werden konnten. Ein Pfarrer hatte mir erzählt, dass die meisten Sterbende weniger bereuten, was sie getan, als das, was sie unterlassen hatten. Das Ungelebte, Ungesagt, Ungetane war es, worüber Menschen sich bis zuletzt grämten. Stärker als über den bevorstehenden Tod. Was könnte am Ende dieser langen Steinreihen in mein Gesicht eingeschrieben sein? Würde ich alt und lebenssatt aussehen oder wie jemand, der fühlte, dass sein Leben allzu viele Lücken aufwies? Ich sehnte mich danach, zeitreisen zu können, eine Vorstellung von mir selbst als alter Mann zu finden.

Es muss an diesem Ort gelegen sein, der langen Zeile stehender Steine, dem Platz, den ich einnahm in der Vertiefung: Wie Wasser, das verdunstet, sah ich meinen Körper dampfen. Schwaden lösten sich von mir und stiegen in die Höhe, bis fast nichts mehr übrig war. Tröpfchen schwebten in der Luft und verteilten sich über Dartmoor. Verstreut wie die Steine war ich, ohne Zusammenhang. Ich hatte mich aber nicht verloren, nur aufgespaltet in viele kleine Teile, in denen ich jeweils ganz vorhanden blieb. Als die Sonne wieder aufging, war ich Morgentau. Einige Tröpfchen in Postbridge, einige in Merrivale, andere auf den Grabsteinen des Friedhofs von Moretonhampstead. Ich verdampfte und teilte mich erneut. Ein Wind trieb mich nach Osten. Partikel landeten auf der Nase eines Pferdes in den Salisbury Plains, andere auf einem Hydranten in Kensington, andere auf dem Dach eines Zinshauses in Brixton. Lange Zeit später verließ ich England und benetzte Punkte in Brandenburg, Masuren, Mähren und dem Waldviertel.

Vielleicht sind die Bilder, die wir uns vom Leben machen, deshalb bewegt, weil wir uns den Stillstand nicht ausmalen können. Vielleicht liegt die Ursache dafür in den Bewegungen innerhalb der Zellen. Vielleicht gibt es nur deshalb den Glauben an ein Leben nach dem Tod, weil es für menschliche Wesen unvorstellbar ist, zum Stillstand zu kommen. Niemand kann sich vorstellen, nicht zu sein. Ich wurde zu Feuchtigkeit in einer japanischen Sanduhr, ein Eispartikel auf der Heckscheibe eines Ford in Grönland, ein Tröpfchen im Speichel eines Pelikans vor der Küste von Kuba. Viel später berührte ich ein Segel im Golf von Bengalen, kreiste ich in einer Waschmaschine in Hongkong, presste mich ein Winzer im Kamptal aus einer Traube. Und etwa zur selben Zeit schwebte ein Partikel meines Selbst hoch über dem Auge eines Hurricanes vor der Küste von Luisiana.

Ich war im tiefen Meer und in der Stratosphäre, ich sank auf das Blatt eines Frauenmantels. Währenddessen trieben Moleküle im Plankton vor Tahiti, trank mich eine Russin als Vodka, zirkulierten Teilchen im Strudel einer Kraftwerksturbine am Yang Tse Kiang. Im Brackwasser des Kongos verdampfte ich. Auch in den Herzkammern einer schönen Marokkanerin habe ich mich befunden. Über Ströme, Flüsse, Ausscheidungen und Dämpfe gelangten alle Teilchen, die je meine eigenen waren, im Lauf von achtundvierzig Jahren in eine Kumuluswolke, die sich von Land´s End über Cornwall nach Osten schob.

Meine Teilchen fallen als Regen über Dartmoor. Tropfen klatschen auf das Gesicht eines sehr alten Mannes, der im Loch in der Mitte der Steinzeile von Long Ash Hill steht. Die Farbe seiner Haut ist aschen. Tiefe Risse befinden sich darauf und Krater. Flecken wie Inseln zweier Archipele sind auf den Wangen verstreut. Auf dem Kopf wachsen kaum noch Haare. Ich kann mich in diesem Gesicht wiedererkennen, obwohl seine Augen tief liegen und die Lippen fast verschwunden sind. Kleiner bin ich geworden. Mein Schädel sieht größer aus, auch die Ohren. Der Blick ist müde und wach zugleich. Neugier liegt darin und Offenheit gegenüber dem nächsten Augenblick. Ich suche nach Zeichen von Bitterkeit in diesen Zügen, aber da sind keine. Wehmut über Versäumtes spricht nicht aus diesem Gesicht. Ich sehe den Ausdruck eines Mannes, der nichts ein– und nichts ausgrenzt, der sich genügt und nichts fordert. Seine Hände sind mager. Er atmet seicht und hörbar, doch das Herz, so scheint mir, schlägt kräftig und gleichmäßig noch. Ich merke den Augen, den breiten Backenknochen, dem nackten, aber erhobenen Schädel, dem leichten Schmunzeln um die Lippen an, dass darin noch immer Freude liegt über unerwartete Begegnungen mit einem anderen Menschen oder mit einer Erinnerung. Ich will, dass er mich sieht, so wie ich ihn. Ihm sagen, erinnerst du dich? Erkennst du dich wieder? Gefällst du dir so, wie du warst? Ich führe eine Hand an seine Wange und streiche über die raue Haut. Nichts in dem alten Gesicht verrät, dass es die Berührung fühlt. Und doch scheine ich ihm genauso nahe zu sein wie er mir. Nicht bloß als Erinnerung, sondern als etwas, das leibhaftig bei ihm ist. Vielleicht weil er eine ebenso starke Begegnung mit seiner Vergangenheit hat wie ich mit meiner Zukunft. Ich will mich dem alten Mann zu erkennen geben. Ihm sagen, sieh her, hier ist dein jüngeres Ich, an das du denkst, dein mittleres Alter. Einen Augenblick lang hoffe ich sogar, er könne mich spüren. Wahrnehmen, dass seine Vergangenheit ihn besucht. Doch die Barriere zwischen den Zeiten bleibt bestehen. Ich glaube dem alten Mann anzumerken, dass er sich so fühlt, wie ich es für mein Alter erhoffe. Lebenssatt. Er wird den Tod hinnehmen, als wäre er bloß eine verschüttet geglaubte Erinnerung. Ich stelle mir das Ende als einen Augenblick vor, in dem die Lebenszeit eines Menschen zum Stillstand kommt. In dem es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt und daher das eintritt, was manche Ewigkeit nennen. Mir scheint, dass der Alte das Ende der Zeit schon kommen sieht und dass ihm das gar nichts ausmacht. Weil er alles hinter sich lassen kann, sogar sich selbst.

Dieser tröstliche Gedanke führte mich schnell zurück in die Mitte der Zeile. Die Zeit hörte auf, um mich zu kreisen. Ich fühlte den Sonnenschein auf meinem Gesicht und Trockenheit im Mund. Es war so spät geworden, dass mein Körper einen Schatten warf. Ich tastete nach meinen Wangen, um mich zu vergewissern, dass ich kein Greis war. Was hatte ich gesehen, ein Bild aus meiner Phantasie, aus der Zukunft, ausgedacht oder erlebt? Genauso wie die Gewissheit den Tatsachen vorzugreifen vermag, können sich auch die Tatsachen der Gewissheit entziehen.

Langsam ging ich weg, ohne mich nach den steinernen Reihen umzudrehen. In Gedanken war ich ganz bei der alten Gestalt, die mich begleitete. Etwas nach vorne geneigt, aber nicht gebeugt ging sie. Ich wandte meinen Blick nur dann von ihr ab, wenn ich die Beschaffenheit des Boden wahrzunehmen suchte, um nicht zu stolpern. Der alte Mann lächelte in sich versunken. Er nahm denselben Weg wie ich. Oder nahm ich denselben wir er? Wie Zwillinge, die sich einander nicht zu vergewissern brauchen, streiften wir durch die Landschaft. An seiner Seite fühlte ich mich so sicher wie nie davor. Ich wusste, dass die Geschichte zu einem guten Ende kommt. Egal, was noch passieren würde oder welchen Halbheiten ich erliegen sollte. Lange würde ich leben und mit dem Alter nicht verzagen oder abstumpfen, sondern lebendig bleiben bis zuletzt. Vor Tavistock erwartete ich auf einem Hügel den Sonnenuntergang. So lange der alte Mann bei mir war, wollte ich nicht unter Menschen gehen, denn Lärm oder hektische Bewegungen könnten mich von der Erscheinung trennen. Während die Sonne unterging, löste sich mein altes Ich von mir und erlosch so sanft wie das Abendrot.

Als ich die Stadt erreichte, war es fast dunkel. Auf der Suche nach einem Bett für die Nacht ging ich in eine Gasse, die frisch gepflastert werden sollte. Haufen von Granitwürfeln lagen bereit. Der sandige Untergrund war planiert und hart gepresst. Im Schein der Straßenlaterne bemerkte ich ein kleines Mädchen. Es hob Pflastersteine auf und trug sie in das Zentrum des Lichtkegels. Dann hockte sich die Kleine hin und baute eine Pyramide.

So still und konzentriert war sie, dass sie mich nicht bemerkte. Immer wieder stand sie auf, holte mehr Steine und machte die Pyramide höher und breiter. Mit einer kleinen Plastikschaufel kratzte sie Sand vom Belag und ließ ihn zwischen die Ritzen ihres Bauwerkes rieseln. Schließlich wurde sie auf mich aufmerksam, hob den Kopf und sah zu mir her. Ich lächelte der Kleinen zu und bedeutet ihr durch ein Nicken, dass mir gefiel, was sie tat. Mit großen, offenen Augen erwiderte sie meinen Blick. Ich ergab mich diesem Staunen altersweise und kindlich zugleich.



2. August 2006

 


[übersicht] [mail] [reset] [home]

31•07